GERALD NESTLER    
ON PURPOSE.
The New Derivative Order
  Special feature im Basement: Crystal Math.
eine Videoinstallation von Sylvia Eckermann, Lyrics: Gerald Nestler
Sound: Szely, Stimme: Simon Streather

 

 

 ► On the exhibition / english version

 

 

 

29. Februar - 25. April 2012

 

 

Veranstaltungen

 

SO 11. 3. 17 h   

Performance

Im Rahmen von Europe in Motion und imagetanz/brut Wien ►

SO 18. 3. 18 h   

Talks and discussion download INFO.pdf

Elie Ayache, Thomas Feuerstein, Karin Knorr Cetina

Moderation: Katja Mayer

Sound performance: Szely

SA 14. 4. 18 h

Technopolitics and Technofinance, download INFO.pdf
and the role of art as a critical practice.
Brian Holmes, Armin Medosch und weitere Gäste

 

Biografie Gerald Nestler



Lebt und arbeitet in Wien

 

Internet: www.geraldnestler.net

Eine zentrale Rolle in Gerald Nestlers Arbeit als Künstler und Researcher spielt der Einfluss globaler ökonomischer Entwicklungen auf Individuen und Gesellschaft – wofür er den Begriff "Econociety" geprägt hat. Er entwickelt darin eine Kritik finanzwirtschaftlicher Strategien, Methoden und Anwendungen als Welt erzeugendes Dispositiv, in welchem "Humanderivate" verwertet werden. Gleichzeitig interessieren ihn Potentiale für neue gemeinschaftliche Handlungsformen, welche die Umschreibung gesellschaftlicher Partizipationsprozesse nach dem "Quantitive Turn", der nicht nur ökonomische Verfahren betrifft, von "transaction to action" ermöglichen.

 

Nestler studierte an der Akademie der bildenden Künste (Diplom 1992). Von 1994-1997 betrieb er als Broker und Trader Feldforschung innerhalb des Finanzsystems. 2003 erhielt er das Österreichische Staatsstipendium für bildende Kunst. 2007 veröffentlicht er bei Schlebrügge.Editors, Wien die Publikation Yx . fluid taxonomies—enlitened elevation—voided dimensions—human derivatives—vibrations in hyperreal econociety. 2008 erhielt er ein Atelierstipendium des Bundes in Peking/Nanjing und 2009 in Krumau. 2010 war er Mitherausgeber der Bände 200 and 201 des Kunstmagazins Kunstforum International zum Thema "Kunst und Wirtschaft" (mit Dieter Buchhart).

 

Künstlerische Arbeiten der letzten Jahre (Auswahl): The Trend Is Your Friend (mit Sylvia Eckermann), Medienkunstlabor im Kunsthaus Graz, steirischer herbst 09, Breathe My Air. A paradoxical conversation piece (3-Kanal-Video, mit Sylvia Eckermann). Superglue. Artistic research on scientific research, Vienna Art Week 2011 (mit Gerald Straub).

 

Nestler ist practice-based PhD candidate am Centre for Research Architecture, Goldsmiths, University of London und erhielt 2010 die Department of Visual Cultures Research Bursary.

 

 

 

Gerald Nestler, Volatility Smile, Farbpigmentdruck, 2012,
6 Fotografien der Performance zur Ausstellungseröffnung im Kunstraum Bernsteiner.
Foto: Michael Goldgruber

 

Gerald Nestler, Love in the 21st Century
Eisskulptur, 200x150 cm, 28.02.2012
Foto: Michael Goldgruber

 

Gerald Nestler,
Bottomless Pit, Elastic
+ Video Contingent Claim
Foto: Michael Goldgruber

 

Gerald Nestler,
Contingent Claim. Portrait of a Philosophy
.
Mit Elie Ayache,
Optionshändler und Philosoph, video, 35:23, 2012

 

Gerald Nestler, o.T., Farbpigmentdruck,
100x100 cm, 2012

 

Gerald Nestler, In the Eye of the Storm the Future Rests, Zeichnung, Assemblage,
100x70cm, 2012

 

Crystal Math

eine Videoinstallation von Sylvia Eckermann, Lyrics: Gerald Nestler, Sound: Peter Szely, Sprecher/Darsteller: Simon Streather

 

Technopolitics and Technofinance,
and the role of art as a critical practice.

Brian Holmes, Armin Medosch und weitere Gäste

 

 

 

... the market is always right, it's a life form that has being in its own right. You know in a sort of Gestalt sort of way – it has form and meaning – it has life, it has life in and of itself ... you know sometimes it all comes together and sometimes it's all just sort of dispersed, and arbitrary, and random, and directionless and lacking cohesiveness ... and we are a sum of our parts, or it is a sum of its parts.*

 

 

Zur Ausstellung

 

Gerald Nestler

 

ON PURPOSE.
The New Derivative Order

 

| Speculation—Risk | Credit—Debt | Contingency—Probability |
| Value—Price |
Volatility—Leverage | Algorithms—Decision-making |

 

Die Ausstellung thematisiert Begriffe und Praxen, die – obwohl weit über einen rein (finanz-) wirtschaftlichen Kontext hinausgehend – von diesem heute in hohem Maße bestimmt werden.

 

Der neoliberalen Deutungshoheit, trotz krisenbedingter massiver Verstaatlichungen etwa im Bankensektor weiterhin ungebrochen, wird eine "derivative" Strategie potentieller Umschreibungen mit künstlerischen Mitteln gegenübergestellt, wobei historische und aktuelle Diskurse aus Kunst, Ökonomie, Politik und Philosophie zu einer sich verändernden und zum Teil von den BesucherInnen benutzbaren Assemblage verbunden werden.

 

On Purpose. The New Derivative Order ist als work in progress konzipiert, in dem neben den künstlerischen Arbeiten auch performative Veranstaltungen sowie Vorträge und Diskussionen stattfinden. Die Veranstaltungen und ihre Teilnehmer sind ebenso Objekte der Ausstellung wie die Installationen, Videos, Stimmen, Zeichnungen, Texte und Algorithmen – alle gemeinsam bevölkern den Ort (teilweise nur temporär) und schaffen Kontexte für weitere Events/Objekte.

 

Die Ausstellung wird als soziale Skulptur entwickelt, deren Erzählstränge erst im Prozess der Entstehung erscheinen, wobei insbesondere die Veranstaltungen die Frage nach einem "reclaiming of agency" (Handlungsfähigkeit) stellen, einer Verschiebung "from transaction to action".

 

Weiterführender Text zur Ausstellung als PDF  ►

 

* Auszüge aus einem Interview von Karin Knorr Cetina mit einem Trader,

"From Pipes to Scopes", Journal Distinktion, Issue on Economic Sociology 7: 7-23, 2003

 

Zu den Arbeiten:


VOLATILITY SMILE
Eröffnungs-Performance /
Inkjet- und Farbpigementdrucke
Mit Agnieszka Dmochowska, Karin Pauer, Gabri M. Einsiedl, Julia Mach, Filip Szatarski, Jasmin
Hoffer und Martin Tomann.


Die PerformerInnen bilden während der Eröffnung eine Figur, die Dalis/Halsmans Werk In Voluptas Mors (1951) entlehnt ist. Die Aufgabe der PerformerInnen ist es, diese Stellung einzunehmen und so lange wie möglich beizubehalten. Form und Dauer entwickeln ein bildliches Ereignis, das, weit davon entfernt surreal zu sein, die Absurdität heutiger "Zusammenhänge" abbildet.
Während der Ausstellungsdauer werden Fotografien der Performance gezeigt.


IN THE EYE OF THE STORM THE FUTURE RESTS
Assemblage, Zeichnung

Basierend auf der Architektur des Trading Floors (von Ruben Jennings, US-amerikanisches Patent
von 1878), der als ein frühes Beispiel der architektonischen Moderne angesehen werden kann, kartografiert die Arbeit Zusammenhänge zu zeitgleichen Entwicklungen in der Kommunikationstechnologie oder geschichtlichen "Vorläufern" wie etwa dem griechischen Theater, das ursprünglich als Interpretationsort von Weissagzungen diente.


LA DERIVATION HUMAINE
Texte

Statements zu ON PURPOSE. The New Derivative Order. Im Laufe der Ausstellung finden unterschiedliche Texte Verwendung. Eine Papierbahn dient als Markierungs- und Aufzeichnungsmedium der Diskussionen und Talks. Im Laufe der Ausstellung wird sie durch Beschriftung/Bezeichnung zunehmend selbst Medium der Agency.


CONTINGENT CLAIM
Video


Das Video zeigt Elie Ayache, den Autor von The Blank Swan. The End of Probability, 2011, in
dem der Optionshändler und Philosoph seine auf der Philosophie von Quentin Meillassoux,
Alain Badiou, Gilles Deleuze und Henri Bergson aufsetzende Interpretation des Derivathandels
darlegt. In seiner Kritik der von Banken beherrschten Finanzmärkte ersetzt er den Begriff der Wahrscheinlichkeit durch den der Kontingenz und verortet den von Meillassoux neu belebten Begriff des Absoluten im kontingenten Raum des Börsenhandels. Im Gegensatz zum Begriff Wert, der für ihn keine Marktkategorie ist, definiert er den Preis als das Absolute des Marktes, der über Schreiben als kontingenter Praxis (in Bezugnahme auf Jorge Luis Borges Text Pierre Menard Author of the Quixote) realisiert wird.


BOTTOMLESS PIT, ELASTIC
Installation


Mit dem Video verbundene, schwebende und ‚volatile' Architektur, die das Trading Pit – die abgestufte Arena des Börsenhandels – als Vorläufer bzw. frühe Realisierung der Moderne inszeniert. Durch die Mitwirkung der BesucherInnen nähert sie sich ihre Bewegung einem ‚Random Walk' an. Die irrationale, nach Aussage von Tradern intuitive, inkorporierende und aus der Situation heraus sich ereignende ‚Technologie der Zukunft' des Finanzmarkts wird mit Materialien unterlegt, die dessen theoretische Fundierung und Rationalisierung (dem Ort der Ausstellung gebührend insbesondere Werke von Vertretern der "Austrian School of Economics") mit kritischen Betrachtungen vereint. Mit Latour kann man von einem Parlament sprechen, in dem Dinge als Ideen und Materialien sich im selben Raum versammeln, deren (U)Topos als welterzeugendes Dispositiv (Foucault) der heutigen Zeit gelten kann.


LOVE & LABOUR IN THE 21ST CENTURY
Skulptur


Eisskulptur im Innenhof des Kunstraum Bernsteiner, die je nach Wetterlage schmilzt.
Schriftzug: CREDIT
Die Arbeit re-aktualisiert Robert Indiana's Skulptur love als Frage nach dem, was Anerkennung heute bedeutet. Der Begriff Credit spiegelt Wahrnehmung in vielfältiger Weise wieder und kann als Indikator für Wertschätzung und ihre Bedeutung innerhalb eines sozialen Systems dienen.


 

SPEECH ACT ALGORIZM
Zeichnung / work in progress


Markierungs- und Aufzeichnungsmedium der Diskussionen und Talks im Laufe der Ausstellung, die zunehmend zum Medium von Agency wird. Als "Wasserzeichen" ist ihr die Black-Scholes Gleichung eingeschrieben, die als wesentliche mathematische Formulierung des derivativen Optionshandels Verwendung findet und ihren Autoren den Nobelpreis einbrachte. Der einschneidende Börsencrash 1987 gilt als Moment, an dem das mathematische Modell an der Realität des emergenten Handels zerbrach. Bis heute wird die Formel als Modell verwendet, aber gegen die realen Preise rekalibriert. Speech Act Algorizm nimmt dies auf und versteht sich als Rekalibrierung-Tool, das soziale und kulturelle Momente einer Derivatisierung kritisch und performativ thematisiert.


I'VE NEVER SEEN ANYTHING LIKE THIS
Audio recording


Finanz-Algorithmen (der Begriff geht auf Al-Chwarizmi zurück, einem arabischen Gelehrten des 9. Jhds.) werden nicht nur eingesetzt, um komplexe Prozesse abzuwickeln, sondern zunehmend auch zur eigentlichen Entscheidungsfindung. Aktuell laufen die schnellsten Operationen im Bereich um 30 Millisekunden ab – und damit außerhalb menschlicher Wahrnehmungsschwellen. Der sogenannte "Flash Crash" vom 6.Mai 2010 gilt als "watershed event" (Daniel Beunza, London School of Economics), an dem ein Kurssturz erstmalig durch Algorithmen verursacht wurde. Die in eine Installation integrierte Audiospur dieses Ereignisses verdeutlicht eindringlich, wie menschliche Agenten durch automatisierte in kurzer Zeit aus dem Markt gedrängt wurden.

Weitere Arbeiten entstehen im Zusammenhang mit den Veranstaltungen und Performances.

 

Special feature im Basement:

 

CRYSTAL MATH
Eine Videoinstallation von Sylvia Eckermann. Lyrics: Gerald Nestler,
Sound: Peter Szely, Sprecher/Darsteller: Simon Streather


Im Basement des kunstraum BERNSTEINER installiert, wird das Netz als Raum thematisiert, in dem nicht kommuniziert wird, sondern eingefangen.
Mathematische Modelle und Prozesse (Algorithmen) stellen heute 80% der Handelsbewegungen westlicher Finanzmärkte. Die Abhängigkeit von algorithmisch-mathematischen Modellen zur Erzeugung finanzieller Gewinne und der Durchsetzung eines utopisch-technologischen Wahrheitsbegriffs, der sich im Preis ausdrückt, erzeugen Zusammenbrüche und kataklytische Momente, in welchen die viel beschworenen Trends zu Abgründen nicht nur ökonomischer Art führen können.

 

 

Diese Ausstellung wurde unterstützt von:

Bundesministerium für Unterricht und Kunst
Kulturamt der Gemeinde Wien
Kulturabteilung, Leopoldstadt
Peyote, cross design concepts
   

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